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Unter Geiern

Ich habe mich dieses Jahr entschlossen mal einen Artikel für die Wanderfreunde unter uns zu schreiben; die zwar existieren; aber sich doch etwas bedeckt halten und sich nur zur Leberknödelwanderung outen. Deshalb jetzt Impressionen einer Wanderung mit grossen und kleinen Teilnehmern der Familienfreizeit letztes Jahr.

Und du bist dir wirklich sicher, dass wir noch richtig sind? Die vorsichtig gestellte Frage; als wir nach 40 min Fahrt kreuz und quer übers Causse Mejean auf eine noch kleinere Stasse abbiegen die sich irgendwo im Wald zu verlieren scheint ist durchaus berechtigt, man hat den Eindruck niemals irgendwo anzukommen. Doch kurz darauf ist es geschafft, wir erreichen am Ende der Strasse Cassagnes, unseren Ausgangspunkt für die sogenannte Geierrundwanderung. Wir haben geplant die 7 km gemütlich anzugehen da das Thermometer über 30 Grad zeigt und keine Wolke am Himmel zu sehen ist. Es beginnt dann auch sehr gemächlich; wir müssen öfter anhalten da einige der Kleinen sich die Zeit im Auto mit Chips essen vertrieben haben und jetzt regelmässig im Gebüsch verschwinden. Wir erreichen die erste Aussicht, ein weiter Blick hinunter in Tal der Jonte eröffnet sich uns, das eingerahmt wird von teils bizzaren Felsformationen und steilen Felsabbrüchen. Danach reiht sich ein Aussichtspunkt an den anderen und spätestens beim Balcon du Vertige der absolut nichts für Menschen mit Höhenangst ist, wird so manche Mutter blass, da die Felskante die 100m steil abfällt, nur durch ein rostiges Eisengeländer gesichert ist. Es werden zahlreiche Fotos der Felsen, der Schlucht, Menschen vor Felsen und sonstige Naturimpressionen geschossen, aber danach stellt Maximilian die unausweichliche Frage, wo sind denn nun die Geier? Die Wanderung befindet sich im Schutzgebiet des Parc National der hier in den 80-er Jahren rund 60 Gänsegeier ausgewildert hat in der Hoffnung auf Wiederansiedlung. Das Projekt war ein voller Erfolg, zur Zeit leben ca. 300 Geier auf den Felsen der Jonte- und Tarnschlucht. Es gehört eigentlich zum Programm auf der Wanderung Geier zu sichten. Leider habe wir bis jetzt wenig Glück, vielleicht passt den Geiern ja das Wetter nicht. Aufkommende Kinderproteste nicht weiter zu laufen bis ein Vogel kommt, werden mit Hinweisen auf den Mittagsschlaf der Tiere gemildert und auch wir suchen uns einen schattigen Platz für die Mittagsrast. Gegen Nachmittag ziehen Wolkenberge am Horizont auf, zusammen mit einer leichten Brise. Dann tauchen im tiefen Azurblau des Himmels kleine schwarze Punkte auf die immer grösser werden, langsam nach unten sinken und schliesslich die Form eines grossen Raubvogels annehmen: die lange erwarteten Geier! Wo einer ist; sind auch immer mehrere; Gänsegeier leben in gossen Kolonnien und sind mit einer Flügelspannweite von 2.30 bis 2.80m eine durchaus imposante Erscheinung. Ihr Auftauchen lösst in unserer Gruppe eine hektische Betriebsamkeit aus, das Fernglass wird unter Protesten aus Händen gerissen und manch einer balanciert auf der Jagd nach dem ultimativen Foto gefährlich nahe am Abgrund. Aber wir sind sehr zufrieden die Vögel unter uns in der Schlucht ihre Kreise ziehen zu sehen. Geier können nur in Regionen mit verlassenen Felsen und steilen Schluchten leben; da sie auf die Aufwinde angewiesen sind um sich in die Lüfte zu erheben. Es passiert häufig dass junge Geier die Thermik falsch einschätzen und sich auf dem Boden der Schlucht wiederfinden. Von hier können sie nicht wieder starten, da die Kraft ihrer Flügel nicht ausreicht um sie wieder bis aufs Chausse zu bringen wo sie die Aufwinde wieder nutzen könnten. Deshalb gibt es in der Zeit in der die Geier flügge werden eine Notrufnummer und dann kommt ein Vogelkundler und nimmt sich des Abgestürzten an. Das Ausnutzen der Thermik hat auch zur Folge; dass die Formationen oft genauso schnell wieder verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Wir setzen unseren Weg fort; halten stets die Augen offen und erreichen schlieslich das ultimative Highlight der Wanderung, zwei Felsformationen die die Form von Vasen haben und auch nach ihnen benannt sind. Danach kommt die Engstelle des Weges, eine Passage die an einem Eisengeländer entlang steil abwärts durch eine enge Felsschlucht führt. Zur Hochsaison kann es durchaus vorkommen dass man hier Schlange stehen muss; da Kinder; Hunde und ältere Menschen Unterstützung brauchen und man nur hintereinander gehen kann.

Auch wir schaffen es mit Tragen der Zwerge und vorsichtigem Gehen den Scheitelpunkt des Weges zu erreichen; 300m unter uns befindet sich Le Rozier, das Dorf indem Tarn und Jonte zusammen fliessen. Danach macht der Weg eine Kurve nach Norden und wir befinden uns jetzt über dem Tarntal. Es sind noch 3 km bis zum Auto die wir uns mit Geschichten erzählen und dem weiteren Ausschauhalten nach Geiern vertreiben. Bei der nächsten Rast gibt es einen Wettbewerb, wer am besten Toter spielt, um die Vögel anzulocken. Dieses Spiel muss allerdings ohne Erfolg bleiben, nicht wegen der Überzeugung der Darstellungen, sondern wegen der Natur der Geier. Diese beobachten in Gruppen abwechselnd ihre Beute, meist tote Schafe, mehrere Tage lang, bevor sie sich in der Nähe niederlassen um dann zu Fuss ihre Beute zu errreichen. Zum Festschmaus sind dann alle anwesend; die größte beobachtete Anzahl an Geiern lag bei 115, und binnen kurzer Zeit ist von dem Kadaver nur noch das Skelett übrig. Aber, keine Geier mehr für uns; dafür ein Gewitter das sich zusammenbraut und wir erreichen nach einer beschleuZum Vergrössern anklicken!nigten Gangart gerade noch rechtzeitig unsere Autos. Danach geht ein Sommergewitter mit Hagelschauer nieder; der das Causse binnen kurzem vorübergehend in eine nebelige Winterlandschaft verwandelt. Kaum zu glauben aber wir sind halt doch im Gebirge und nicht an der Cote d'Azur und ich persönlich liebe die Gegend gerade wegen ihrer Rauhheit.

So, ich hoffe mein kleiner Bericht hat allen, die sie schon kennen, Lust gemacht die Wanderung mal wieder zu machen und allen anderen einen Anreiz gegeben, den nächsten Urlaub am Tarn zu verbringen.

Euch allen einen schönen Sommer!

Christiane

Geierwanderung über Tarn und Jonte: Geier
Geierwanderung über Tarn und Jonte: Blick in die Tiefe
Geierwanderung über Tarn und Jonte: Kletterfelsen
Geierwanderung über Tarn und Jonte: Vase de Chine
Geierwanderung über Tarn und Jonte: Wanderweg
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